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Super Bilanz
NATO feiert den Libyen-Krieg als »erfolgreichste Mission«.
Was zählen 60000 Tote – Hauptsache, Ghaddafi ist weg

Von Joachim Guilliard
junge Welt, 3.11.2011 / Schwerpunkt / Seite 3

Nach der Ermordung des libyschen Staatschefs Muammar Al-Ghaddafi hat die NATO erklärt, der militärische Job sei getan. Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen verkündete in der vergangenen Woche in Berlin und am Montag in Tripolis: »Das war wohl eine der erfolgreichsten Missionen in der Geschichte der NATO«. Die meisten Medien hierzulande sind gleichfalls hoch zufrieden und verweisen vorsichtshalber noch einmal darauf, daß der UN-Sicherheitsrat mit der Resolution 1973 den Militäreinsatz in Libyen erlaubte. Die positive Bilanz, die sich die NATO selbst ausstellt, wird nicht hinterfragt. Dabei fällt die Schlußrechnung, wenn man sie an den offiziellen Zielen mißt, vernichtend aus.

Erinnern wir uns: Die besagte UN-Resolution, die den Willigen die Tür zum Krieg einen Spalt weit öffnete, forderte einen Waffenstillstand, Verhandlungen über eine politische Lösung und den Schutz der Zivilbevölkerung. Geschehen ist jedoch genau das Gegenteil. Die NATO torpedierte alle Vermittlungsbemühungen, die Zahl der bisherigen Opfer des Krieges wird auf 60000 geschätzt. 60000 Libyer haben also den »Schutz« der NATO nicht überlebt.

Oder besteht der gefeierte Erfolg womöglich doch nur in der Liquidierung des unbequemen Gegenspielers Muammar Al-Ghaddafi? Dann sind natürlich Zehntausende Tote für die westliche Allianz zu vernachlässigen.

Die Ermordung des libyschen Revolutionsführers Ghaddafi ist exemplarisch für den ganzen Krieg und unterstreicht einmal mehr dessen verbrecherischen Charakter. Der Jubel westlicher Politiker und Medien über seinen Tod zeugt nicht nur von einem rapiden zivilisatorischen Verfall, sondern auch von der Unfähigkeit, aus früheren Untaten zu lernen. In Afghanistan und im Irak ging der Widerstand nach dem anfänglichen Triumph der Aggressoren erst richtig los. Die aktuellen Siegesfeiern dürften sich daher sehr schnell als genauso verfrüht erweisen wie George W. Bushs »Mission accomplished« im Mai 2003.

Zuverlässige Informationen über die Umstände von Ghaddafis Ermordung gibt es wie immer kaum. Doch wer genau ihn liquidierte, ist zweitrangig. Sicher scheint, daß französische Kampfjets und US-amerikanische Killerdrohnen seinen Konvoi zusammenbombten und damit die siebenmonatige Jagd der NATO auf das faktische Staatsoberhaupt eines einst souveränen Staates erfolgreich abschlossen. Ihre Bodentruppen, die libyschen Rebellenmilizen, mußten – wie immer – das Werk nur noch vollenden.

Die NATO sagte nach Mafiaart, sie habe nicht gewußt, wer alles im Konvoi ist und nur – als eine Art rabiate Verkehrspolizei – auf dessen hohe Geschwindigkeit reagiert. Der BND, der auch Anspruch auf einen Anteil am Erfolg anmeldet, steckte dem Spiegel jedoch, daß ihm der Unterschlupf Ghaddafis in Sirte »seit Wochen« bekannt gewesen sei. Das klingt nach Prahlerei, vermutlich hatten die deutschen Spione nur Hinweise darauf, daß er sich in einem Teil von Sirte befand. Plausibler sind die Meldungen, daß die NATO durch Erfassen von Funktelefonsignalen den ungefähren Aufenthaltsort ermitteln konnte. Als sich aus dem mutmaßlichen Stadtviertel Fahrzeuge in Bewegung setzten, wurden sie durch Kampfbomber und Drohnen gestoppt und größtenteils zerstört.

Mit ziemlicher Sicherheit waren dann auch schon Spezialeinheiten der NATO-Armeen zusammen mit Rebellenmilizen in der Nähe des Geschehens. Dem israelischen Militärinformationsdienst DebkaFile zufolge legen »Berichte militärischer Quellen« sogar nahe, daß es erstere waren, die Ghaddafi aufspürten und gefangen nahmen (siehe auch Spalte). Sie hätten ihm in beide Beine geschossen und anschließend den Misurata-Milizen übergeben, überzeugt, diese würden ihn umbringen.

Es handelt sich somit bei der Ak­tion zunächst um ein weiteres Kapitel des extrem ungleichen Kampfes zwischen den Verteidigern der libyschen Souveränität und den angreifenden NATO-Mächten. Letztere verfügen über die stärksten Streitkräfte der Welt und brachten das modernste Arsenal an Waffen, Aufklärungssystemen und Mitteln der psychologischen Kriegsführung zum Einsatz. Satelliten, Kampfjets und Drohnen ermöglichen es ihnen, aus der Luft nahezu jede größere Bewegung des Gegners zu entdecken und alles, was verdächtig erscheint, ohne Gefahr für sich selbst anzugreifen und – auch rein prophylaktisch – mit ungeheurer Feuerkraft auszulöschen. Spezialeinheiten erkundeten und markierten zu zerstörende Gebäude und Infrastrukturanlagen, leiteten die Aktionen der Rebellenmilizen und steuerten das Eingreifen von Kampfjets und -hubschrauber in die Bodenkämpfe. Daß sich Sirte unter diesen Bedingungen zwei Monate halten konnte, wird vermutlich in die Heldengeschichten des afrikanischen Unabhängigkeitskampfes eingehen.

Nicht nur der DebkaFile-Bericht legt nahe, daß es wahrscheinlich Milizen aus Misurata waren, die Muammar Al-Ghaddafi und seinen Sohn liquidierten. Dafür spricht auch, daß die Leiche nicht in die Hauptstadt, sondern nach Misurata geschafft und dort zur Schau gestellt wurde. Die Milizen, die bereits durch ihr brutales Vorgehen in den Nachbarorten berüchtigt wurden, zeigen wenig Neigung, sich denen aus Bengasi, die nun die Führung des ganzen Landes beanspruchen, unterzuordnen.

Auf ihr Konto ging vermutlich auch die Exekution von 53 Ghaddafi-Anhängern im Hotel Mahari. An dessen Eingang und an Wände im Innern gemalt, fand man die Namen von fünf bekannten »Brigaden« aus Misurata, die dort wohl ihre Basis hatten: die Tiger-Brigade (Al-Nimer), die Unterstützungsbrigade (Al-Isnad), die Jaguar-Brigade (Al-Fahad), die Löwen-Brigade (Al-Asad) und die Zitadellen-Brigade (Al-Qasba). Man sollte sich die Namen merken. Es steht zu befürchten, daß man auch in Zukunft noch von ihnen hören wird.


Rückfall
Westliche Partylaune und Scheinwelten
Von Joachim Guilliard
03.11.2011 / Schwerpunkt / Seite 3
http://www.jungewelt.de/2011/11-03/048.php
 
Nicht nur der NATO-Angriff auf Libyen ist ein Rückfall ins 19. Jahrhundert, in die Zeit der Kolonialkriege. Auch die westlichen Medien fallen auf die moralischen Standards dieser Zeit zurück. So herrschte auf allen Fernsehkanälen und im größten Teil der Printmedien unverhohlene Freude über den Tod Muammar Al-Ghaddafis. Nicht wenige Kommentatoren sahen Vorteile darin, daß das libysche Staatsoberhaupt liquidierte wurde. Für fast alle stand die Freude im Vordergrund, daß er ein für allemal ausgeschaltet ist. Man erachtete es als nebensächlich, wie er zu Tode kam.

Zu den besonders widerlichen Beispielen gehört der Leitartikel von Julia Gerlach »Ein Grund zu feiern« in Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung, in dem sie verkündet: »Der Tod von Muammar Al-Ghaddafi ist erst einmal ein Grund für eine Party«. Daß der Gefangene liquidiert wurde, habe »auch etwas Gutes: Ghaddafi im Gefängnis und vor Gericht hätte sicherlich keine Gelegenheit ausgelassen, weiter Unruhe zu stiften und für Verwirrung zu sorgen«. Auch sogenannte Experten begrüßten seine Ermordung. »Der große Vorteil« sei, daß nun kein Gerichtsverfahren stattfinden müsse, meint der Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz, Günter Meyer, im Deutschlandfunk.

Wer so in Partylaune ist, wie Gerlach und Kollegen, den interessiert es natürlich nicht, daß dem Angriff auf Ghaddafis Konvoi eine zweimonatige Bombardierung und Belagerung der Küstenstadt Sirte vorausgegangen war, durch die sie weitgehend zerstört und mehrere Tausend Bewohner getötet wurden. »Die Heimatstadt Ghaddafis wurde ins finstere Mittelalter gebombt«, meldete BBC-Reporter Wyre Davies direkt aus dem Ort. Afrikanische Kommentatoren verglichen Sirte bereits mit dem irakischen Falludscha oder dem baskischen Gernika. Tatsächlich wurde an Sirte ein Exempel statuiert, das als Warnung weit über das angegriffene Land hinaus dienen soll.

Die meisten Medien bauen sich in ihren Berichten eine hübsche Scheinwelt vom »befreiten Libyen« zusammen, indem sie alles ausblenden, was nicht zum Bild paßt – z.B. auch die Greueltaten der aufständischen Milizen bei der brutalen Verfolgung aller, die man der Loyalität zum bisherigen Regime verdächtigt.

Die moralische Verkommenheit der Berichterstattung wird dabei meist noch durch Dummheit und Ignoranz übertroffen. Jetzt, wo der ehemalige Machthaber tot ist, so tönen die Kommentatoren, würden seine Anhänger aufgeben. Der Krieg sei nun vorüber, und ein neues, freies und glückliches Zeitalter könne nun endlich anbrechen. Doch nur wer den Krieg in Libyen auf einen Kampf der Aufständischen gegen Ghaddafi reduziert, oder gar das Bild »Diktator gegen das Volk« für bare Münze nahm, kann glauben, daß er nun zu Ende ist. Es gibt jedoch weder Grund zur Annahme, daß der Widerstand gegen die NATO und ihre libyschen Verbündeten nun vorbei ist, noch zu der, daß die neuen Herren dem Land eine fortschrittliche Entwicklung bescheren werden – ganz im Gegenteil.

Mordmandat? Im Rahmen des Normalen
http://www.jungewelt.de/2011/11-03/049.php

Der Focus berichtet in seiner aktuellen Ausgabe, Frankreich und die USA hätten von vornherein den Tod Ghaddafis zum Ziel gehabt und nicht seinen Prozeß. Das in München erscheinende Wochenmagazin beruft sich auf die französische Zeitung Canard En­chaîné. »Obwohl die NATO-Mission in Libyen in dieser Woche zu Ende geht, lediglich den Schutz der Zivilisten vorsah, hätten eine US-Drohne und zwei Mirage-Kampfjets den Fluchtkonvoi Ghaddafis beschossen. Zudem sollen sich in Sirte 50 französische Elitesoldaten aufgehalten haben, die nicht eingeschritten seien, als Ghaddafi gelyncht wurde.« Focus gegenüber habe ein Diplomat aus dem französischen Außenministerium bestätigt: »Das gehörte nicht zum NATO-Auftrag, aber man soll nicht scheinheilig tun: Die Alliierten haben mehrfach versucht, Ghaddafi zu liquidieren. Wenn er dann auf der Flucht stirbt und dies manchen Staaten entgegenkommt, bewegt sich das doch im Rahmen des Normalen.«

Sam Nujoma, der langjährige Präsident Namibias (1990–2005), äußerte sich schockiert über die »von Ausländern gesponserte Ermordung von Libyens Führer Muammar Al-Ghaddafi«. Diese müsse für Afrika als Lehre dienen, daß fremde Aggressoren bereit sind, sich auf den Kontinent zu stürzen. Der Feind sei auf Beutezug und werde Afrika jederzeit angreifen, solange der Kontinent gespalten bleibe.

Der Zürcher Tagesanzeiger meldete am Montag zur Lage in Sirte: »Große Teile der Stadt am Mittelmeer mit ihren von Palmen gesäumten Boulevards sind zerstört. Ganze Viertel sind unbewohnbar, in den Wänden rußgeschwärzter Häuser klaffen Einschußlöcher. Es gibt keinen Strom, kein Wasser. Auf den Straßen voller Trümmer steht die Brühe, die aus geborstenen Leitungen austrat. (…) Nach sechswöchigen Kämpfen kochen heute viele der 140000 Einwohner vor Zorn über die aus ihrer Sicht willkürliche Verwüstung, die Regimegegner angerichtet hätten. (…) Unter Ghaddafi habe es Sicherheit und Arbeit gegeben, sagt der Lastwagenfahrer Muftah Mubarak im 2. Bezirk, an den Unruhen sei ausländische Einmischung schuld. Die Ghaddafi-Gegner nennt er Ratten. Libyen sei voller Waffen, bald könne es einen weiteren Bürgerkrieg geben. Beim Losfahren steckt er den Kopf aus dem Fenster seines Lkw und ruft den Schlachtruf des alten Regimes: ›Nur Allah, Muammar und Libyen!‹« (jW)

Ausführliche Analyse im Internetblog des Autoren: jghd.twoday.net/